Kürzlich hielten IMTF und die Association of Certified Sanctions Specialists (ACSS) das Webinar „A New Financial World Order: Sanctions Evasion on the Rise“ ab, in dem Branchenexperten die Weiterentwicklung von Sanktionsumgehung beleuchten und was dies für Compliance Teams bedeutet.
Eine Botschaft wurde besonders deutlich: Beim Einhalten von Sanktionen ist es längst nicht mehr damit getan, juristische oder natürlichen Personen auf einer Liste zu identifizieren, sondern das Verständnis dfür zu entwickeln, wie globale Netzwerke funktionieren.
Was ehedem eine vergleichsweise lineare Herausforderung war, ist heute ein komplexes System verbundener Akteure, Gerichtsbarkeiten und Zahlungsflüssen. Für Compliance Teams erfordert dieser Wandel ein grundlegend anderes Verständnis von Risiken und deren Steuerung.
Von linearem Risiko zur vernetzten Wirklichkeit
Über Jahre folgte die Compliance für Sanktionen einer klaren und strukturierten Methode, nämlich die Risikoexposition durch sanktionierte Länder oder Personen zu identifizieren und abzustellen. Allerdings spiegelt dies die heutige Realität nicht mehr wider.
Denn mittlerweile geschieht Sanktionsumgehung mittels vielschichtigen globalen Netzwerke: Transaktionen laufen über mehrere Gerichtsbarkeiten, Eigentümerstrukturen werden bewusst verschleiert und Handelsströme werden fragmentiert, um ihren Ursprung oder ihr Ziel zu verbergen.
Diese sich verändernde Lage, die in neueren Analysen als „Non-Alignment 2.0“ bezeichnet wird, beschreibt einen Trend: Länder halten wirtschaftliche Beziehungen über geopolitische Grenzen hinweg aufrecht und schaffen hierdurch neue Grauzonen, in welchen Compliance ihre Eindeutigkeit einbüßt und Risiken nicht mehr durch Einzelperspektiven bewertet werden können.
Sanktionsrisiken sind in diesem Zusammenhang nicht mehr länder-, sondern netzwerkbasiert.
Eine fragmentiertere und komplexere Umgehungslage
Was diesen Wandel besonders herausfordernd macht, ist nicht allein das Ausmaß globaler Aktivitäten, sondern auch die zunehmende Raffinesse der Umgehungsmethoden.
Zwischengeschaltete Rechtsordnungen zur Steueroptimierung spielen heute eine zentrale Rolle als kommerzielle und finanzielle Brücken zwischen sanktionierten und nichtsanktionierten Volkswirtschaften. Zugleich entwickeln sich die Zahlungsmechanismen weiter: Während traditionelle Währungen weiterhin dominieren, schaffen alternative Zahlungsmethoden – etwa Abrechnungen in lokalen Währungen und digitale Vermögenswerte – neue Ebenen der Intransparenz.
Zentral für diese Transformation ist: Je fragmentierter das System, desto schwieriger ist das ganze Bild zu erkennen; und genau hier geraten traditionelle Erkennungsansätze zunehmend an ihre Grenzen.
Warum herkömmliche Compliance-Modelle nicht mehr ausreichen
Viele Compliance-Systeme stützen sich weiterhin auf eine Kombination aus Risikoindikatoren für Länder, die Überwachung von Transaktionen und das listenbasierte Screening. Zwar bleiben diese Komponenten essenziell, reichen für sich allein jedoch nicht mehr aus.
In einem netzwerkgetriebenen Umfeld zeigen sich Risiken selten in einzelnen Transaktion Gegenparteien. Stattdessen entstehen sie durch Muster, Beziehungen und Flüsse, die erst bei der ganzheitlichen Betrachtung sichtbar werden.
Die stellt Finanzinstitutionen vor eine grundsätzliche Herausforderung: Eine jede Organisation sieht nur einen Teil der Aktivität, nämlich wenige Puzzleteile eines deutlich größeren Gesamtbildes. Ohne Kontext können selbst gut konzipierte Kontrollen die übergeordnete Struktur eines Umgehungsschemas übersehen.
Vom Länderisiko zum Denken in Korridoren
Um sich dieser neuen Wirklichkeit anzupassen, muss Compliance über statische, länderbasierte Prüfungen hinausgehen und eine dynamischere Perspektive einnehmen.
Statt darauf zu fokussieren, wo Transaktionen beginnen oder enden, muss die Aufmerksamkeit auf deren Bewegung verlagern. Handelsrouten, Finanzflüsse sowie Intermediärbeziehungen werden damit zu entscheidenden Faktoren für das Verstehen von Risiken.
Diese Korridorperspektive, also die Betrachtung, wie sich Transaktionen über Rechtsordnungen und Vermittler bewegen, lässt Institutionen Inkonsistenzen, ungewöhnliche Muster oder indirekte Exposition erkennen, die sonst verborgen geblieben wären. Zudem zeigt sie auf, wie Sanktionsumgehung heute funktioniert, nämlich nicht isoliert, sondern mittels miteinander verbundenen Systemen.
Wie effektive Sanktionserkennung heute aussehen muss
Diese Komplexität lässt sich nicht durch schrittweise Verbesserungen allein bewältigen, sondern erfordert einen stärker integrierten und intelligenteren Erkennungsansatz.
Erfolgreiche Methoden integrieren zunehmend:
- Netzwerkanalyse, um Beziehungen zwischen Entitäten und Gegenparteien aufzudecken
- Einbezug aller relevanten Stakeholders in das Screening, darunter Absender, Empfänger, beteiligte Versicherungen, Schiffe, Agenten, Dienstleister, Häfen, Lieferanten und Besatzungsmitglieder
- Screening von Listen für Güter mit doppeltem Verwendungszweck sowie von BIS, Güterlisten, Warenlisten oder Warenverzeichnissen und internen Listen
- Überwachung von AIS-Sendeausfällen in den Aufzeichnungen, also Sendeunterbrechnungen im automatischen Identifkationssystem für Schiffe
- Integration von Schiffsortungssystemen
- Prüfung auf gefälschte Handelsdokumente und verdächtige Decknamen
- Prüfung neuer Lieferrouten mit unbekannten Unternehmen und verdächtigen Zahlungen
- Prüfung von Häfen in der Nähe sanktionierter Länder
- Wo möglich Einsatz von Satellitenbildern, um diese mit AIS-Logs und Schiffspositionen abzugleichen
- Verhaltensüberwachung zur Erkennung neuer Muster
- Integration mehrerer Datenquellen, etwa von Finanztransaktionen oder Handels- und Schifffahrtsaufklärung
- Verarbeitung in Echtzeit oder Beinaheechtzeit, um Reaktionszeiten zu verkürzen und Erkennungslücken zu schließen
Das Ziel besteht nicht nur darin, mehr Daten zu sammeln, sondern sie so miteinander zu verbinden, dass sichtbar wird, was andernfalls verborgen bliebe.
Das fehlende Element: die erweiterte Sicht auf das Geschäftssystem
Eine glasklare Erkenntnis ist, dass keine Institution diese Herausforderung vollständig allein bewältigen kann.
Denn Sanktionsumgehungen sind von Natur aus global, während deren Aufdeckung überwiegend fragmentiert bleibt. Jede Institution agiert innerhalb ihres eigenen Perimeters und verfügt über diesen hinaus nur über begrenzte Transparenz. Diese Diskrepanz schafft blinde Flecken, die von immer raffinierter agierenden Akteuren immer gezielter ausgenutzt werden.
Mehr Effektivität erfordert daher einen umfassenderen Wandel hin zu stärkerer Interoperabilität, besserer Datenstandardisierung und letztlich engerer Zusammenarbeit im Geschäftssystem.
Denn in einem vernetzten Umfeld ist isolierte Erkennung unzureichend.
Von der Erkenntnis zum Handeln: verborgene Netzwerke sichtbar machen
Diesen Wandel zu verstehen, ist entscheidend, aber dies ist nur der erste Schritt.
Die eigentliche Frage lautet, wie sich diese Erkenntnis operationalisieren lässt. Wie erkennt man Strukturen, die gezielt darauf ausgelegt sind, verborgen zu bleiben? Wie identifiziert man Verbindungen mit fragmentierten Daten? Und wie verwandelt man Komplexität in konkrete Handlungsanweisungen?
Darum geht es in unserem kommenden Webinar „The Science of Hidden Networks: From Data to Detection“.
In dieser Webinar zeigen wir, wie fortschrittliche Analyse und KI dabei helfen:
- Verborgene Beziehungen in fragmentierten Datensätzen aufzudecken
- Muster zu identifizieren, die herkömmliche Ansätze nicht erkennen
- Komplexe Information in klare, handlunsbasierte Erkenntnisse zu transformieren
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